Der Siegeszug der Glasharmonika fiel zusammen
mit dem Beginn der empfindsamen Epoche des
"Sturm und Drang" (Gosthes Werther).
Die Gemüter waren damals wohl in der
Tat empfänglicher und reizbarer, so daß
E.T.A.Hoffmann sagen konnte, es gehöre
für eine Dame, wenn sie sen-sibel gelten
wollte, zum guten Ton, beim Erklingen der
Glasharmonika in Ohnmacht zu sinken. Die Oper
entdeckte die Glasharmonika als dramaturgisches
Gestaltungselement für beginnenden Wahnsinn
(Donizettis "Lucia di Lammermoor"),
bevorstehende Erlösung (Strauss' "Frau
ohne Schatten"), auf jeden Fall für
Übernatürliches, Mystisches (zahlreiche
Feen- und Zauberopern). Die unheimliche Aura
des Instruments veranlaßte einige Zeitgenossen
zu Befürchtungen, die uns heute etwas
übertrieben erscheinen. Es wurde davor
gewarnt, das Instrument nach Mitternacht zu
spielen oder auch nur zu hören; das Spielen
überhaupt hielt man für den Auslöser
undefinierbarer, schwerer Nervenleiden.
Der musikalisch gebildete Arzt und Hypnotiseur
Franz Anton Mesmer verwendete die Glasharmonika
als "flankierende Maßnahme"
seiner Behandlungen und machte sich souverän
die erregende und beruhigende Wirkung dieser
Klänge zunutze, um heilsame Krisen einerseits
auszulösen, andererseits nachzubehandeln.
Mit seinen Improvisationen auf der Glasharmonika
setzte er auch Komponisten wie Gluck und Mozart
in Erstaunen. Wie weitreichend Mesmers Wirkung
im 19. Jahrhundert war, zeigen einige von
E.A.Poes Erzählungen und die englische
Wortschöpfung "mesmerizing".
Bis in die heutigen Tage hat sich im angloamerikanischen
Raum das Einbeziehen von Glasklängen
in hypnotische und esotherische Handlungen
erhalten! Die Komponisten und Interpreten
des 18. Jahrhunderts waren sich der Wirkung
der Glasharmonika bewußt. Aus der Zeit
zwischen 1761 und 1830 sind über 500
Originalkompositionen erhalten. Die Auftritte
reisender Virtuosen, wie der blinden Marianne
Kirchgessner, waren nicht einfach Konzerte,
es waren mystische Ereignisse.
Zitate:
E.T.A. Hoffmann: "zudem fiel das Aufkommen
der Harmonika in die Periode der schwachen
Nerven, und es heißt nun, daß
die Harmonika magisch auf die Nerven wirke,
so konnte es nicht fehlen, daß sich
das Instrument aller empfindsamen Seelen bemächtigte.
Für jedes Mädchen von einiger Erziehung
wäre es höchst unschicklich gewesen,
nicht, sowie die Glocken nur berührt
wurden, auf passable Weise in Ohnmacht zu
fallen...". Jean Paul: "statt des
Pianofortes stand ein gläsernes Heiligenhaus
der Tonmuse da, eine Harmonika...". Schubart:
" es weckt nicht die Trau-rigkeit, sondern
sanftes, stilles Wonnegefühl, Ahnungen
einer höheren Harmonie, wie sie die guten
Seelen in einer schönen Sommermondnacht
durchzittern". Horst Wolfram Geißler:
"wie die Harmonien verschwebten, Marianne
ihre Zauberhände langsam hob und sinken
ließ, zerriß ein Schrei die hypnotische
Stille. Eine Frau hatte einen Namen gerufen,
sank, die Augensterne verdreht, in irgend
jemands Arme. Im Hintergrund des Saales antwortete
ein ähnlicher Schrei, auch dort gab es
einen Zusammenbruch. Die Frauenzimmer fielen
um wie vom Hagel getroffene Blüten. Seufzer,
Schreie, Weinkrämpfe steigerten sich
zu Nervenkatastrophen. Die Männer, soweit
sie nicht die geknickten Blumen halten mußten,
fielen sich schluchzend in die Arme, stammelten
mit erhobenen Händen irgendwelche Schwüre,
oder sie blickten, mit gekreuzten Armen einsam
an eine Säule gelehnt, düster vor
sich hin, bis zu den Augen ange-füllt
mit Weltschmerz..." (aus dem Roman "Die
Glasharmonika")