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Die Glasharmonika

Es gibt zwei Möglichkeiten, Gläsern Töne zu entlocken: durch Anschlagen oder durch Reibung mit angefeuchteten Fingerspitzen. Gläser zu musikalischen Zwecken anzuschlagen ist sicherlich schon solange gebräuchlich, wie es Glas gibt. Viele Quellen belegen solche Idiophone aus Glas vorwiegend im orientalischen Raum. In Europa finden sich erste Quellen hierzu etwa seit 1500. Um 1700 waren besonders auf den britischen Inseln die "musical glasses" sehr beliebt und Virtuosen, wie der später berühmte Opernkomponist Christoph Willibald Gluck, gaben auf solchen Instrumenten viel beachtete Konzerte (Gluck rühmte sich, alles ausführen zu können, was auf einer Violine spielbar sei) an den europäischen Höfen. Konzerte auf "musical glasses" gerieten zu gesellschaftlichen Ereignissen von höchstem Unterhaltungswert, wie es O. Goldsmith in "the Vicar of Wakefield" darstellt: "the two ladies threw my girls quite into the shade, for they would talk of nothing but high life, with other fashionable topics, such as pictures, taste, Shakespeare and the musical glasses."

Durch die musical glasses angeregt, erfand 1761 der damals noch unbekannte Benjamin Franklin bei einem Aufenthalt in London die Glasharmonika. Er wollte mit der Anordnung der Glasschalen auf einer horizontal rotierenden Achse das mehrstimmige Spiel erleichtern. Solche Gläserspiele bestanden meistens aus Weinkelchen verschiedener Größe und der Abstand zwischen den Tönen war besonders im Bassbereich so groß, daß man mit einer Hand bestenfalls eine Terz greifen konnte. Er selbst nannte diese Erfindung "Armonica". Die uns heute bekannten Harmonikainstrumente mit schwingenden Metallzungen, wie das Harmonium, das Akkordeon und die Mundharmonika, wurden erst zwischen 1812 und 1842 erfunden und haben ihren Namen von der Glasharmonika entlehnt.
Die Glasharmonika ließ immerhin schon eine kleine Septime zu und erlaubte neben dem mehrstimmigen auch dynamisch differenziertes Spiel, so daß sie als neues Konzertinstrument mit dem einzigartigen Klang rasch in ganz Europa berühmt wurde. Bald gab es viele reisende Virtuosen und Liebhaber und beinahe jeder Komponist der damaligen Zeit bedachte die Glasharmonika in verschiedenen Werken, so z.B. W.A.Mozart, C.P.E.Bach, L.v.Beethoven, C.M.v.Weber u.v.a.m.. Doch so sehr die Glasharmonika wie ein Meteor am Instrumentenhimmel aufgetaucht war, so schnell geriet sie wieder in Vergessenheit, so daß sie nur noch in Museen einen Dornröschenschlaf führte. Im 20. Jahrhundert erinnerte sich ihrer als erster Richard Strauß, in seiner Oper "Die Frau ohne Schatten" (Wien 1919). Doch wurde sie auch da bald durch andere Instrumente ersetzt, da sich kein Spieler fand, der das Instrument beherrschte.

Das Allegria Ensemble bildet in der Musikgeschichte ein bisher einzigartiges Ensemble, dann schon alleine die Kostbarkeit einer Glasharmonika ließ sie bisher zumeist durch Solisten erklingen. Zur klanglichen und musikalischen Bereicherung interpretieren die Glasspieler des Ensembles noch auf weiteren Glasinstrumenten (Verrophon, Euphon, Gläserspiel, Glasharfe, Glasklavier) Originalkompositionen und Bearbeitungen unterschiedlicher Genres.

Die im Zusammenspiel mit Orchester und in den Kammermusikprogrammen hauptsächlich verwendeten Verrophone (von französisch verre = Glas) -bestehend aus senkrecht stehenden Glasröhren- stammen aus eigener Produktion und wurden 1985 von Sascha Reckert erfunden. Ein Verrophon bildet mit seiner Klangstärke ein besseres Pendant zum modernen Orchester als die zart klingende historische Glasharmonika. Auch im Intervallspiel und in der präzisen Tonansprache ist das Verrophon überlegen, da sich z.B. eine Oktave mit einer Hand greifen läßt. Das Glasklavier wurde 1865 unter dem Namen Piano-Harmonika erfunden und avancierte zum Vorläufer der Celesta. Es verwendete Glasplatten, die mit Hilfe der damals üblichen Klaviermechanik zum Klingen gebracht wurden. Mozart verwendete sie als Glockenspiel in seiner "Zauberflöte". Desweiteren gibt es ein Baßinstrument, das "Euphon". Das Prinzip der mit Glasstäben angetriebenen Metallplatten geht auf eine Erfindung von E.F.F.Chladini (1790) zurück; sowie ein "Pyrophon", eine Flammenorgel, in der eine Gasflamme die Luftsäule in einem Glasrohr in Schwingung versetzt und so einen klangstarken, hornähnlichen Ton erzeugt. Damit ist es wohl eines der ungewöhnlichsten Musikinstrumente überhaupt. Das Phänomen der "Feuerstimme" ist seit 1777 bekannt und geht auf die "chemische Harmonika" des englischen Chemikers Brian Higgins zurück. Nach Verbesserungen durch G.F.Kastner (1852-1882) komponierten César Franck, Charles Gounod und der Wagnerianer Wendelin Weißenheimer für die Flammenorgel.

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